Kalabrien ist die Region Italiens, die die Stiefelspitze des Landes bildet. Sie ist fast vollständig durchzogen von Gebirgen, die teilweise auf über 2000 m Höhe ansteigen. Wegen seiner 800km langen Küste war die Halbinsel schon immer meerwärts orientiert. Die Griechen kamen schon früh hierher, um zu siedeln. Bei Reggio di Calabria findet sich die Meerenge von Messina, wo Sizilien dem Festland am nächsten liegt, und wo die Regierung Berlusconis das Prestigeprojekt eines Brückenbaus vorangetrieben hat, wenn auch beargwöhnt vom Umweltschutz und denjenigen, die nicht an den wirtschaftlichen Sinn eines solchen Unterfangen glauben mögen.
Im Osten liegt das Ionische Meer, im Westen das Thyrennische, dazwischen Landstriche mit alten Wäldern, in denen es noch Wölfe geben soll. Wildschweine und Füchse sowieso. Und da Kalabrien subtropisch warmes Klima hat, im Sommer auch oft Temperaturen um die 40 Grad herrschen, ist es nicht weiter überraschend, dass Eidechsen und Schlangen hier ebenso ein angenehmes Auskommen finden. Mit den hohen Temperaturen geht einher, dass die Flüsse nur saisonal Wasser führen, und ihre breiten Schotterbetten meist völlig ausgetrocknet und hitzeflimmernd daliegen.
Man lebt von der Forst- und Landwirtschaft. Die Bergamotte, eine Zitrusfrucht, ist in Schwemmebenen Kalabriens zu Hause, ebenso die rote Zwiebel. Aber es werden auch gute Weine angebaut und der Käse aus den Bergdörfern passt zu den Roten wie der Fisch aus dem Mittelmeer zu den Weissen. Gleichwohl ist Kalabrien geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Die N’Drangheta nimmt der Kalabrischen Wirtschaft die Kraft, 70% aller Unternehmen sollen Schutzzölle entrichten, die restlichen 30% gehören ihr gleich ganz. In so einem Umfeld möchte kein Unternehmer gerne investieren und dem Staat fehlen die Steuereinnahmen, um seine Infrastruktur in Ordnung zu halten.
So verströmt Kalabrien einen spröden Charme und zieht vor allem die Menschen an, die das authentische, nicht das touristische Italien von Rimini suchen. Die Küste Kalabriens ist meist sandig, an manchen Stellen, z.B. bei Tropea sehr steil und felsig. Dort schaut man gerne aufs Meer hinaus und geniesst die vielseitige Gliederung des Küstenabschnittes. An anderen Stellen ist die Küste ein klein wenig verbaut. Aber das macht nichts, wenn man sich für den Urlaub nur den richtigen Strandabschnitt aussucht.
Im Hinterland, den engen Tälern, den Gebirgsdörfern geht es ohnehin ursprünglich und ruhig zu. Handwerkskunst wird angeboten, mit religiösen Motiven bemalte Haushaltsgegenstände. Es finden sonntags immer wieder Prozessionen zu Ehren der lokalen Schutzheiligen statt. Hirtenfest sind nicht kommerzialisiert und verdienen noch das folkloristische Attribut. Und auch der Tarantella, der volkstümliche Tanz der Region im 3/8 oder 6/6 Takt, aufgeführt in kostbaren Trachten, ist zu hören. Viele Komponisten haben ihn berühmt gemacht, ohne ihn zu entwurzeln. Wer sich für Folklore, Brauchtum und Musik Kalabriens interessiert, der findet hier eine vorzügliche Arbeit zum Thema.
Beste Reisezeit ist Juli bis September, für diejenigen, die den Strand mögen. Wer auch ins Landesinnere vordringen, womöglich wandern möchte, sollte sich mit Rücksicht auf die Temperaturen vielleicht schon im Mai auf den Weg machen.
In jedem Falle erwartet den Reisenden eine vielseitige und reizvolle Destination, nicht überall idealtypisch, aber doch so attraktiv, dass eines deutlich wird: Kalabrien darf wieder entdeckt werden.
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